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ACHTUNG SOMMER ! - Tipps für Hypochonder

Sie fühlen sich noch immer ausgewrungen wie ein Einmal-Waschlappen kurz vor dem finalen Wurf ins Klo? Dabei liegen die schwersten Allergiemonate doch schon hinter ihnen. Sie haben jedes Kornblumenfeld sprintend verlassen, jede Pappel und ihren üppig fliegenden, flockig-weißen Samen schreiend verflucht, Gras gemieden (ausser in Tüten) und das alles ohne Atemschutzgerät? Glückwunsch - es ist fast geschafft.

Im Juli und August kommt er noch - der wahre Heuschnupfen, denn das Heu wird eingebracht. Stämmige Männer mit freien Oberkörpern werden das goldgelbe Stroh von den raspelkurzen Feldern holen und dabei ... ich schweife ab. Es ist noch einmal Leidenszeit für Großstadtallergiker, die es in die Parks oder gar aufs Land zieht. Jetzt werden sie alle erst recht zum Antihistaminkum Loratadin greifen, auch wenn es manchen noch immer sooo müde macht. Oder sind Sie Cetirizindihydrochlorid-Junkie, der auf die mildere Gabe steht? Vielleicht geht ihnen ja das Weleda-Heuschnupfenspray durch die Nase und nimmt etwas vom Schleimen und Drücken, vom Jucken und den Tränen. Seeluft sei noch immer das beste Rezept, heisst es. Oder ein reinigendes Gewitter. Aber wer will schon raus aus Berlin, der Stadt, die mit dem Stadtfest und dem CSD, den tausend Attraktionen und Millionen Möglichkeiten prahlt, wie keine sonst im stickigen Europa? Wo es zwar im Sommer am schönsten ist, aber eben auch noch immer am pollenreichsten. Und wer will schon jeden Tag Unwetter, dass die Hasenheide wackelt ? Zwischen Tiergarten und Lincke-Ufer empfiehlt sich Zusatz zum Nasen-Augen-Auslaufschutz das gute alte Calcium. Als Brausetablette eingeführt (oral - mit Flüssigkeit), stärkt es die Abwehr, holt den letzten Pollen-Libero nach vorn in die Offensive, macht hinten dicht und vorne auf und kann in Verbindung mit einem mittel-stürmenden Kompaktset aus der Apotheke an der gegnerischen Nies-Mannschaft vorbei und verwandeln - für einen schnieffreien Sommer. Und wenn es juckt und brennt, dann ist Muttis Heilsalbenschränkchen hoffentlich nicht allzu weit weg. Ringelblumensalbe hilft bei Jucken der Haut und bei Nesselsucht darf es Nachtkerzenöl sein. Das gibt es sogar in Kapseln - toll! Und sollte Ihnen allzu unangenehm heiss sein und die Allergie nebst Sonnenglühen zu brennendem Verlangen nach Abkühlung führen, dann machen sie sich doch ein Kleiebad. Bei 37-38 Grad mit gemahlener Kleie aus dem Reformhaus für 20 Minuten in der Wanne entspannen - dann eine Cremepackung mit Panthenol und sie werden wieder strahlen. Ganz hippe Hypochonder haben längst das Thermalwasser aus der Dose entdeckt. Das beseitigt lästiges Jucken in den Augen in Sekunden, ist dabei unauffällig (weil handtaschenklein) und bietet sich als guter Stoff gegen Rötungen der Haut. Und sagen sie nicht dies wären nur Tipps für Mädchen gewesen. Ich hab das alles probiert...

1 Kommentar 19.6.07 23:11, kommentieren

GAY NIGHT - routinierte Unterhaltung für Homos im Zoo

Homos im Zoo - das war ein Gekreische. Die Frage des Abends an diesem 20. Juni 2007: wo ist Knut ? Nein, den Bären hat niemand gesehen. Niemand der etwa 500 Gäste, die sich die Swingband der BVG bei "Gaynight at the Zoo" zu Gemüte führten, durfte den Medien-Eisbären stören - womöglich wäre sonst der Biorhythmus des jungen, wilden Fernsehstars durcheinander geraten. Doch auch ohne Knut hielt der Abend, was er versprach. Gute Unterhaltung auf der Bühne, präsentiert von "Weil-ich-ein-Mädchen-bin"-Lucy van Org und präsidiert von den schwulen Wirten der Stadt, deren Regenbogen des Regenbogenfonds-Logos beinahe am Horizont der City West erschienen wäre. Beinahe, denn zum leichten Niederschlag fehlte die Sonne im Rücken.
Homos im Zoo - und alle waren da. Tunten, Transen und Traktorfahrer und alle in sommerlicher Stimmung, in weissen Leinenhosen, engen Jeans oder ganz in Leder. Das Schöne an solchen "Events", sprich Veranstaltungen ist das ungewöhnlich Gewöhnliche. Ob hetero oder schwul - Spießer bleiben wir doch irgendwie alle. Oder wie es sonst zu erklären, dass die rar gesäten Plastiktische und Stühle unter weit gefassten Schirmen mindestens so umkämpft waren, wie die millimetergroßen Sandstreifen im voll besetzten FKK-Bereich des Strandbads Wannsee? Da wurden Stühle mit Regenschirmen verkeilt. Das gellten "Besetzt"-Schreie durch die Abendluft des weitläufigen Geheges und böse Blicke wanderten über das Mobiliar, sobald man fragte, ob der Regenschirm den Stuhl denn bezahlt habe auf dem er liege. Danke Berlin, für soviel Weltoffenheit und Herzlichkeit.
Homos im Zoo - das schrieb sich denn auch Daphne Debaakel auf die Wange, die als Oberschwester, Verzeihung Mutter Oberin des Ordens der Perpetuellen Indulgenz ein buntes Völkchen noch bunter gekleideter Damen und Damen in die Zwingerburg führte. Sie alle tanzten ausgelassen zu den Glenn-Miller-Melodien und ließen die Spendenbüchsen für die Aids-Hilfe klappern. Klasse sowas.
Für das nächste Jahr sollte Knut als Superstar zum Event geladen werden, schließlich ist er dann schon aus dem Teenie-Alter heraus und darf vielleicht und ganz ausnahmsweise zur "Gaynight" im Zoo noch aufbleiben.

1 Kommentar 21.6.07 16:03, kommentieren

Foto mit Mutti - der CSD Berlin und das Jahr 2007

Regnerisch und teilweise trüb

Die Zeiten, da tatsächlich Hunderttausende Schaulustiger die Strassen säumen, um den Zug der bunten und meist fröhlichen Leute zum Christopher-Street-Day zu sehen, scheinen vorbei. Keine dicht gedrängten Menschenketten mehr auf dem Weg des Zuges vom Olivaer Platz bis zur Siegessäule. Wirklich voll war´s eigentlich nur am KaDeWe und am Potsdamer Platz. Und natürlich zum Abschluss des Treibens an der Siegessäule. Doch selbst dort stellte mancher Organisator und Teilnehmer fest, dass die Fressbuden leichter zu erreichen, die Büsche und Hecken im Tiergarten weniger "besetzt" und die Parytstimmung nicht gaaanz so heiss waren, wie in mancher Erinnerung. Natürlich war das Wetter schuld. Immer neue kräftige Regengüsse machten aus vielen schönen Huschen Opfer kalter Duschen. Verlaufene Schminke, durchnässte Kleider und Körperbasteleien sehen eben eher traurig als fröhlich aus. Dazu ein Motto des diesjährigen CSD: "Vielfalt sucht Arbeit", das trotz gut gemeinten Hinweises auf die Diskriminierung von Homosexuellen am Arbeitsplatz, aber als Vorgabe für phantasievolle Auftritte nur selten taugte. Einzig ein paar lustige Travestiejungs hatten das Motto ironisch aufgenommen und Pappschilder bei sich, unter anderem mit Slogans wie: "Mehr Schönheit für alle!" oder "Mehr Rollen für Grit Böttcher!" oder auch nur "Platz für Notizen". Danke dafür.

Star des Umzug - für die Kameras des RBB wie für die Zuschauer: Tatjana Taft, die als Schach-Dame mit einigen schwarz-weissen Anbauten am eigenen Kostüm Kilometer um Kilometer stöckelte und dabei alle Touristenanfragen auf Fotos geduldig über sich ergehen ließ.

Bester Wagen: der FATE-Club-Wagen, der "seine" Jungs topless mit rotem und gelbem Pfauenschmuck auf dem Kopf vor, hinter und auf das Gefährt schickte. Dazu einen Regenbogen-Bannerschwenker und perfekt war das Bild. Es gibt also noch den klassischen CSD, auch wenn eine solche Aufmachung sichtbar aufwändig und teuer ist.

Enttäuschung des Zuges: der Bungaluu-Wagen, der zwar mit weißen Stretch-Limousinen und Jungs in weißen Outfits punkten wollte, dann aber schon beim kleinsten Schauer wie leergefegt schien. Die modebewussten Bungaluu-Models (huch!) drängten sich lieber im Innenraum des angemieteten Doppelstockbusses.

Foto mit Mutti

Der CSD bringt die schönsten Randgeschichten hervor. So konnte ein kleiner Trupp fröhlicher Schwuler um die 18 Jahre nicht anders, als Mutti mitzuführen. Am U-Bahnhof Nollendorfplatz sangen und lärmten die fünf mit Sektflaschen in den Händen und hatten eine recht erwachsene Dame dabei-
inklusive eines leicht indignierten Blicks. "Ich bin die Mama!", sagte sie und rollte die Augen. "Von allen?", fragte ich. "Noi - nur von ihm, des reicht." Grüße nach Unna oder wohin auch immer in den Süden - die knall-roten Strähnen im dunkelblonden Haar sahen klasse aus. Da hatten die Jungs offenbar ganze Arbeit an Mutti geleistet.

Partyoverkill auf vielen Bühnen

Das Partyvolk des CSD durfte sich nach getaner Demonstrationsarbeit in die Klubs der Stadt zerschlagen. Mancher blieb noch lange nach der Abschlusskundgebung an der Siegessäule und wartete auf das sehr schöne Feuerwerk - gestiftet von Porno-Händler Bruno Gmünder. Dabei hätten die Veranstalter aber warnen sollen. Auch in diesem Jahr meldete sich Claudia Roth, die Grünen-Chefin lautstark am Rednerpult auf der CSD-Bühne zu Wort. 10 Minuten Satz an Satz - Aufschrei an Aufschrei. Ist Frau Roth eigentlich so buchbar? "Hallo Frau Roth, wir brauchen wieder 10 Minuten Gejammer und Gezeter zum CSD. Geht das?" Diese Dame ist der personifizierte Druck auf die Tränendrüse, das ewig schlechte Gewissen und der Heulkrampf der Nation - ein echter Abschalter.
Wer tanzen wollte konnte die Arena aufsuchen, wo der Loveball die Regie übernommen hatte oder auf die Karl-Marx-Allee gehen, die zur CSD-Allee geworden war. Bob Young´s GMF im Café Moskau und das Kino International boten Partymugge u.a mit DJ Maringo und Adessa Zabel (nebst Biggy v.B.) und viiiiel Publikum. Fair, dass die üblichen Getränkepreise beibehalten wurden. Man hätte den vielen Gästen des wuselnden Geschehens wohl auch den einen oder anderen Euro mehr abzapfen können - trotz der 15 Euro Eintrittspreis. Alles in allem eine routinierte Party an zwei Schauplätzen.

Fazit
Soll der CSD mehr sein, als reines Partyvergnügen, braucht es ein griffiges Motto und echte Identifizierungsansätze. Das Thema "Beruf" war es wohl nicht ganz, obwohl auf vielen Wagen die "Men at Work" zu sehen waren: Bauarbeiter, Polizisten, Ärzte usw. Das Bild vom hedonistischen, prassenden und immer shoppenden Schwulen stimmt aber nicht - zumindest nicht in Berlin. Jeder zweite Schwule lebt in Berlin von Sozialleistungen - dank eigener Erwerbslosigkeit oder Krankheit. Das wäre ein anderer Themenansatz gewesen, als "Diskriminierung am Arbeitsplatz" - der ohne Zweifel wenig fassbar daher kam. Hinzu kommt die Routine mit der inzwischen die alljährliche Parade und die alljährliche Kundgebung abgeliefert werden. Das Ganze hat Fernseh- und Werbepartner, die den CSD nach ihren Bedürfnissen zu formen versuchen. Einerseits um ihn und seine Schwulen einem breiten Publikum präsentabel zu machen, andererseits um Geld damit zu verdienen. Da fallen ausgefallene Ideen schwerer, da kommen kaum noch jene etwas härteren Bilder zustande, die für so manche Diskussion im Vor- und Nachfeld sorgten. Der CSD Berlin ist Mainstream und die Frage ist, ob das auch gut so ist.

2 Kommentare 24.6.07 13:14, kommentieren