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PROPAGANDA für PROPAGANDA - Goya erfolgreich wieder belebt

Die Werbung war vollmundig, nur die Unterhosen-Models auf Plakaten und Flyern leider etwas dünn und bläßlich. "Back in Berlin !", stand da, "PROPAGANDA". Im Goya, dem Edelschuppen für die Weltstadt, der leider nur allzu früh pleite ging, tanzte nunmehr das schwule, das metrosexuelle, das hippe Berlin. Die Mischung: von GMF-Perfektionisten über Hafen-Gänger bis Busche-Huschen fast komplett - es fehlten nur die Toms- Männer. Aber die dürften Samstag nachts um drei (meiner Ankunftzeit im Goya) längst an anderen lichtarmen Orten herum gestanden haben. Sie verpaßten einen knackevollen Dancefloor, johlende und fröhliche Besucher und GoGos- deren Ibiza-gestählte Körper einen Hauch Sommer zurück in die vorwinterliche Welt Berlins zauberten. Sehr schön. Die Musik, gängig und housig, gut aufgelegt von den Szenestars Maringo und Super Zandy, dazu in einem Nebengelass aus Holz, einer Art Diskosauna ohne Ausziehen, Polla Disaster im Madonna-Rausch. Berlin hat aber auch immer das gleiche Niveau ! Das klingt zickig ? Kann sein, denn es gab Schatten bei so viel Diskolicht.

Der Berliner Szenegänger scheint die immer gleiche Mischung aus Musik und Umgebung so dringend zu benötigen wie den kleinen Kick aus Fläschchen und Pillchen. Zumindest gegen drei Uhr begegneten einem hie und da murmelgroße Augen und junge Kerle in Hyperventilationsstellung.
Jungs, nehmt bessere Drogen!
Ausserdem frage ich mich als geneigter Besucher, wer die Wendeltreppen in die höheren Etagen zu den Galeriegängen im Goya technisch abgenommen und zugelassen hat. Der TÜV muss blind gewesen sein. Die Treppen waren sämtlich naß von diversen Getränken, eng in den Stufen und rutschig. Vor mir kam ein armer Tropf ohne eigene oder fremde Einwirkung zu Sturz - direkt aufs letzte Bein, das Steißbein. Schmerzen machen Parties kaputt. Ach ja. Der Müll hätte eine bessere Behandlung verdient, als die Ablage am Rand der Tanzfläche. Zerstörte Flaschen, Gläser und anderer Unrat sammelten sich, zum Teil zu Bergen, die mit bewußtem Schritt übertreten werden mussten. Das geht doch wohl besser!

Fazit: eine gute Idee, ein bewährtes Konzept wieder in die Stadt zu holen. Es könnte ein MUST der Szene werden, wenn nicht nur die PROPAGANDA-Trommel gerührt, sondern auch an den kleinen Nickeligkeiten gewerkelt wird. Das Goya hat eine Wiederauferstehung allemal verdient. Im November (10.) gehts weiter. Dann will ich eine Lexus-Limousine... bitte.

1 Kommentar 14.10.07 14:23, kommentieren

HUSTLABALL mit erektiler Dysfunktion

Die Firma Alpenland Pharma sitzt in Penzberg, einer - laut Eigendarstellung auf www.penzberg.de - lebenswerten Stadt im Bayerischen Oberland. In Penzberg geht man wie anzunehmen ist, täglich seiner Geschäfte nach und nur wenige werden sich wohl darum kümmern, dass bei Alpenland in Penzberg L-Arginin gepreßt wird. L-Arginin stärkt laut Google das Immunsystem, was besonders belasteten Sportlern und Menschen während der Diät, die durch die Kalorieneinschränkung naturgemäß stärker durch Infekte gefährdet sind, zu Gute kommt. Aha. Und es soll, laut Pharmafirma die männlichen Gefäße stärken. Das Mittel wird von Alpenland als "Gefäßaktivator zur diätetischen Behandlung von erektiler Dysfunktion" beworben. Erektile Dysfunktion, zu Deutsch Impotenz ist eine Krankheit und weit mehr als nur der kleine Hänger. Warum also ließ Alpenland das Mittel in einem Kombipack aus Brausetablette und Kondom gestern (19.10.07) ausgerechnet beim Hustlaball 2007 im Sage-Club auslegen? Und warum griffen so viele der offenbar 2500 zumeist männlichen Besucher zu? Hat der Ball der Gay-Pornoindustrie, der jedes Jahr zur Venus, der "Erotik-Fachmesse" in Berlin stattfindet etwa ein Problem mit seiner Standfestigkeit? Ein Erklärungsversuch...

Die Antwort auf diese Fragen zu erhalten, ist ein nur allzu mühsames Unterfangen. Zwar stehen im Sage-Club alle Türen zu mehreren Bühnen, Tanzflächen, Bars und Kellern offen. Doch die Menschenmassen, die sich durch den Klub wälzen, machen das freie Atmen nahezu unmöglich. Abtörnfaktor Nummer Eins also - kein Platz ! Her mit der Brausetablette!
Menschen stehen, gehen, hocken und liegen, wohin das Auge sieht - Männer in Kostümen und ohne Klamotten, in Leder, Gummi und anderen Materialien, die offenbar für das Ausleben spezieller Neigungen anzuziehen sind. Zwischen Transpiration und Inhalation verwischt die Distanz, nackte Haut aller Altersklassen und Zustände, Enge, Hitze, Feuchtigkeit. Abtörnfaktor Zwei - zuviel Hitze! Noch ne Tablette!
Auf einer Bühne wird gebrannt und gestochen, so genannte Performances von Darstellern verschiedener "Label", also Videofirmen, die es nicht nur faustdick hinter den Ohren haben. Erschreckend, die zum Teil immens gleichgültige Sicht der Handelnden auf das eigene Tun und die ebenso abgestumpften Blicke ihrer nur selten johlenden Zuschauer, die mit Kleinstkameras bewaffnet alle "Höhepunkte" festhalten. Wie wenig Menschlichkeit doch in sexuellen Handlungen stecken kann...oder warum tackert man sich mit einem handelsüblichen Gerät aus dem Baumarkt rote Schleifen auf die nackte Brust ? Ist das wenigstens als Statement gemeint? Abtörnfaktor Drei- kaum Antörner! Ich nehme die nächste Pille.
In den dunklen Gängen und Räumen herrscht wildes Jagen und Sammeln. Ein junger Mann, der hoffentlich noch kein Medikament braucht, greift auf dem Tisch der Präventions-Schwestern der Perpetuellen Indulgenz beherzt nach 5 (in Worten fünf) Kondomen und sagt, damit komme er eine Stunde (in Zahlen 1) über die Runden. Ist sie nicht wunderbar, diese Welt aus Lotter und Haufen? Abtörnfaktor Vier - ständig nervöse Leute! Ein Valium bitte.
In der VIP-Lounge legt eine wenig inspirierte Chi Chi La Rue auf und halbnackte Männer verbiegen dazu Körper und Körperteile. Hier regiert endgültig die Langeweile im Lärm der aufgeplusterten Industrie und ihrer Helden aus den Filmen mit der immer gleichen Handlung. Der Hustlaball wollte der Höhepunkt sein, der Orgasmus quasi für eine Boombranche und ihre Konsumenten. Doch dafür braucht es zunächst Erregung und nicht nur öffentliche Ärgernisse. Und Erregung kam kaum auf im Sage. Gut, dass man das im oberbayerischen Penzberg wohl geahnt hat.

1 Kommentar 20.10.07 11:06, kommentieren

Happy Helloween? - Berlin ist ein Kürbis

Ich weiss schon, was Sie sagen wollen. Wieder einer, der sich über Helloween aufregen will. Dabei sollte das Ende des Monats Oktober wirklich gefeiert werden, oder? So kurz vor der dunklen Jahreszeit und dem depressiven Grau des Novembers. Wer dagegen ist, ist ein Spielverderber, sagen Sie? Dann buchen Sie mich dazu! Aber die letzten 31 Tage waren doch wirklich "golden", sagen Sie? Ja, eben. Ist der Herbst nicht schön genug? Oder können wir diese Zeit des Jahres nur ertragen, wenn wir uns irgendwann Plastik-Vampir-Zähne in den Mund stopfen und mit Lebensmittelfarbe "wirkungsvolle" Platzwunden und Einschüsse fingieren - an allen möglichen Körperteilen? Blutig muss es sein und total crazy...die Kids finden das immer sooo toll, sagen Sie. Da haben die Amis den Deutschen mal eine Tradition mit viel Spassss gebracht. Das ich nicht lache. Manche glauben sogar, der 31. Oktober sei nur wegen des Helloween-Treibens in einigen Bundesländern Feiertag. Pisa läßt grüßen und der alte Reformator, ja der, der 1517 in Wittenberg -raten Sie mal: a) 93, b) 94, c) 95 oder d) 96- Thesen an die Kirche hämmerte, dürfte sich ganz untot im Grab herum drehen, wüsste er von Helloween am gleichen Tag. Ausserdem habe ich den ganzen Hokus-Pokus einmal mitgemacht. In England, vor zwei Jahren. Mit Kostüm und Schminke und so. Nie wieder! Warum kann man sich nicht einfach ohne albernes Monster-Gehabe ins Koma saufen? An den 364 anderen Tagen des Jahres geht das doch auch - nicht nur in Great Britain.

Im Fernsehen geben sich dieser Tage ganze Sender verhext und zugenäht. Grünlich schimmern "Helloween-Days" auf meinem Bildschirm und zeigen mir bei jeder Werbepause, das es so furchtbar viele nervtötende Kürbis-Monster-Geister-Filme gibt, dass mich schon die Ankündigungen gruseln. Hatte ich "Scary Movie 3" nicht zu Recht restlos verdrängt? "We love to entertain You"? Na, vielen Dank.

Ok, es gibt Lichtblicke. Nehmen Sie die Party am Vor-Helloween-Samstag (27.10.07), die GMF-Chef Bob Young im Adagio, dem Edelclub am Potsdamer Platz in "good old Berlin" auf die unteren Extremitäten gestellt hat. Ich gebe gern den Kommentar eines guten Freundes wieder, der zunächst ohne Kostüm und Schminke (der Spielverderber) dabei war:
Er schreibt:
"Anfangs sehr heterosexuelles Publikum, da doch viele Adagio-Stammgäste sehr früh (gegen 22 Uhr d.V.) da waren. Die Mischung war aber irgendwie toll! Später um 2 Uhr (wo die Heten alle schlapp gemacht haben, gegangen sind und alle Schwulen unter sich waren) hatte die Stimmung ihren Höhepunkt! Masken-Jungs vom Theater des Westens haben eine geile Bühnenshow gezeigt und die Geisterbahn zum Hingucker gemacht. Das "Adagio" ist ja von Haus aus etwas kitschig und war gerade zu prädistiniert als Halloween-Kulisse. Eine ungewöhnlich aufwändige Eventproduktion. eine Party bei der der Veranstalter ... Geld in die Hand genommen hat, um den Gästen was zu bieten - in Berlin doch sehr ungewöhnlich!" Danke sehr.

Ich habe also etwas verpaßt. Gut, dann werde ich mir für das nächste Jahr ein Kostümchen suchen oder einen abgeschnittenen Finger ankleben oder doch mein Elfenkostüm ausgraben, das ich in England trug und dann im nächtlichen Schatten einer morschen Friedhofsmauer unter der frischen Erde eines neuen Grabes verbuddelt hatte. Es kann noch nicht verwest sein oder aufgestiegen in die Sphäre der Geister - denn es war aus 100 Prozent Polyester.

1 Kommentar 28.10.07 14:18, kommentieren

MAMMA MIA - und von der Kunst, Geld zu verdienen

Neid gehört im Allgemeinen nicht zu den Eigenschaften, die man mir nachsagt. Was ganz gewiss ein Fehler derer ist, die mich nicht besser kennen oder schlimmer noch, besser zu kennen glauben. Wie auch immer: Neid gehört wie bei den meisten Menschen auch bei mir zum ganz normalen Alltag des Lebens. Ich neide Omas die endlose Zeit, die sie mit dem Suchen von Cent-Stücken an Supermarktkassen verbringen können. Ich neide dem freundlichen Türken an der Ecke das Lächeln, das er trotz Regen und Kälte für seine Kunden übrig hat. Ich neide meinem Freund die Geduld, mit er sich gerade selbst das Stricken beibringt und ich neide zwei Männern das Talent, die wohl schönsten Pop-Melodien der Welt (bitte keine Widerrede in diesem Punkt!) geschrieben, nein, erschaffen zu haben.

Benny Andersson und Bjoern Ulvaeus zauberten mit ABBA das Pop-Quartett der 70er und frühen 80er Jahre. Ich vermeide bei den Schweden das Wort "Band", weil es in einem Atemzug mit Agnetha und Annifrid gelesen, fast unzüchtig klingt. Bis heute braucht nur eine x-te Wiederauflage der Hits auf einer zum x-ten Mal zusammen gestoppelten "Gold"-CD angekündigt werden, schon sind in Sekunden mehrere Millionen "Tonträger" verkauft - weltweit und von allen Generationen. Gibt es ein Produkt auf dieser Welt, ausser vielleicht Coca-Cola, das besser läuft, als Musik von ABBA? Ich neide den Herren A. und U. nicht das Geld, nicht die Fantastilliarden, die sie mit Liedern wie "Waterloo", "S.O.S", "Dancing Queen" oder ""Fernando" verdient haben - das wäre zu billig. Es ist viel schlimmer. Ich neide ihnen die Idee, ein gefühltes Jahrhundert nach dem Zusammenbruch der Gruppe die besten Titel zu nehmen, zu einem bunten Strauss immer grüner Musical-Melodien zu schreddern, das Ganze mit einer etwas kruden Story zu umrunden und als zweieinhalb- Stunden-Bühnenshow in die Musiktheater der Welt zu bringen. Wie sagt das Programmheft? Sydney, London, New York - jetzt auch in Berlin. MAMMA MIA - das ist schon einen Asbach Uralt wert!

Nun gab es viele Kritiken zu Mamma Mia, zu Sinn und Unsinn dieses Singspiels. Ich mag nur soviel bemerken: ich habe es gesehen und brauchte zunächst Zeit, meine Gefühle für einige Interpretationen von ABBA-Titeln, wie sie am Potsdamer Platz präsentiert werden, zu ordnen. Das Stück ist nämlich dermaßen fröhlich, teilweise in Tanz und Dialog so albern, dass selbst die leiseren Titel, die fast klassischen Balladen der Schweden-Popper gnadenlos aus ihrer Stille gerissen werden. Ein Werk wie "Lay All Your Love On Me" wird bei "MAMMA MIA" zu "Gib alle Liebe mir" - umtanzt von dünnen, etwas blassen Jungs in Froschmannkostümen. Sorry, aber da stieg mir eine Träne der Trauer ins Knopfloch und ich hätte laut singen mögen: "Wer hat mein Lied so zerstört?" Weiß Königin Agnetha von diesem Schauspiel? Ich fürchte, sie hat nichts dagegen. Es geht um eine junge Frau, die mit ihrer Mutter auf einer griechischen Insel lebt, "I Have A Dream" in deutscher Fassung singt und ihren Vater sucht. Drei Männer, mit denen die "Dancing Queen" 20 Jahre zuvor turtelte, bieten sich an. Aber wer ist der Erzeuger und ist das alles so wichtig? Hat am Ende der Sieger die Wahl? ("The Winner Takes It All?") oder geht alles auf in einem grandiosen "Waterloo". Richtig Stimmung kommt in den ersten 50 Minuten noch nicht auf. Es fehlt an Glitzer und Glamour. Das Publikum muss erkennen, dass MAMMA MIA keineswegs nur "lautstarke gute Laune" ist, wie Bild wohl schrieb. Es ist zunächst mal eine wortreiche, klischeebeladene, etwas zäh gespielte und dazu vertrackte Handlung mit immerhin moderner Sprache und im weiteren Verlauf auch manch unbekannterem ABBA-Song. Eine Traumszene zum Beispiel wird zu "Under Attack" - "Unter Beschuss". Ein Höhepunkt für mich, wenn auch keiner zum Mitklatschen.

Überhaupt haben die Herren A. und U. Musik geschrieben, die sie bereits zu ihren Erfolgszeiten mit Schlaghosen und "Blitz-Gitarre" geradezu operettenhaft inszenierten. Agnetha Fältskog war das perfekte, blonde Mädchen - wie in einem Musical - das artig "Thank You For The Music" sang. In Königin Agnethas Stimme lag doch immer eine Spur Tragik. Längst nicht alles von ABBA war Party-Mugge. Das aber ist das Problem für MAMMA MIA, dem Musical, das eine lange Party sein will und bei etwa 1000 Zuschauern im Saal auch sein muss. Der Schluss läuft dann bestens. Das Publikum steht fast auf den Stühlen, tanzt und genießt die Kostüme und Melodien. Jetzt ist die Party im Gange und wieder leben die Lieder auf, die längst Klassiker sind. Tränen leuchten in manchen Zuschaueraugen und ein "Danke für die Lieder", die einfach nicht alt werden. Solange jeder eine "Dancing Queen" sein kann -ja, auch die Herren- ist das ja auch gut so.

1 Kommentar 31.10.07 00:41, kommentieren