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Skandalfrei mit Gummi - Künstler gegen AIDS-Gala in Berlin

Die Rote Schleife


Wäre ich ein Klatschreporter, einer der Kollegen der so genannten Boulevardpresse - mir würde nicht viel einfallen zur diesjährigen Gala "Künstler gegen AIDS", die im Theater des Westens (5.11.07) mehr als 1000 Gäste zum"Benefizen" versammelte. Zumindest nichts Skandalöses.

Es gab keine Fotoreporter um Desiree Nick, die einst zum inszenierten Entsetzen von B.Z. und Co. in einem Rollstuhl posierte. Die Nick war auch in diesem Jahr nicht einmal eingeladen worden, was wohl der Skandal-Vermeidungsstrategie erster Akt war. Es gab auch kaum zu kurze Kleidchen mit zu viel Einblick in fleischliche Tiefen, dafür Bettina Böttinger als Moderatorin in langer Hose und glitzergrüner Kostümjacke -sehr ordentlich. Ihr Mikrofonpartner Ralph Morgenstern, den die "B." noch in der Robe der gebeutelten "Sissi" erinnerte (20 Jahr´ ist´s her) trug derart unauffällige Garderobe, das ich an dieser Stelle ein Foto benötigte, um mich zu erinnern. Nein - skandalös war irgendwie gar nichts. Klaus Wowereit, Regierender Berliner trank aus dem Glas, Aktrice Anouschka Renzi wunderte sich mit Milena Preradovic (wer was das nochmal ? A: Moderatorin B: Stewardess C: Sterneköchin?) über eine scharfe Schokoladenmousse mit Chilli, Schöngeist René Koch kam spät von einem MDR-Fernsehtermin und ich hatte irgendwann sechs Glas Sekt intus. (Nein, nicht sechs Gläser Sekt, denn ich habe den Inhalt verdrückt (Mengenangabe) und nicht das Glas.)
Auch nicht skandalverdächtig.

Ich müßte mich als Klatschreporter also auf das Programm stürzen. Doch auch das kam sehr kommod daher. Die Berliner Westernsänger von Bosshoss machten die Stimmung gleich zu Beginn locker, "Die Affen", eine Comedymusiktruppe um "Dittsche" Oli Dittrich sorgten allerdings für frenetische Reaktionen des Publikums. Mit ihrem urkomisch und oftmals albern zertexteten deutschen Liedgut waren sie die Abräumer des Abends. Katja Ebstein gab sich bewußt und politisch einwandfrei, bezauberte aber erst mit ihrer zarten Zugabe, der ewigen Hymne auf das "Theater". Klassik-Diva Anna Maria Kaufmann holte die höchsten Töne aus sich heraus, die an diesem Abend möglich waren, das Theater des Westens ließ die Vampire zwar nicht tanzen, aber singen und Akrobaten aus China zeigten, dass es immer noch Kinder aus dem Reich der Mitte sind, die die Arbeit als fliegende, sich biegende Körper verrichten. Das gab Beifallsstürme, ließ mich aber mit einem etwas schalen Gefühl zurück.

Schirmherrin Judy Winter ließ sich nur per Videobotschaft zum Anlaß des Abends hören und sehen, was das einzige Mal hörbare Enttäuschung im Saal verursachte. Sie sei in Hamburg hieß es. Was konnte dort wichtiger sein, als die Schirmherrschaft für die Gala in Berlin, fragte sich manch Zuschauer. Ein Skandal ? Ach nein.
Sie wolle nicht zum x-ten Mal sagen, dass man sich schützen solle, vor HIV und AIDS, meinte die Schauspielerin. So vieles sei so oft gesagt worden und klinge inzwischen abgedroschen. Und doch ist der Sinn der Gala, auf die Gefahren hinzuweisen, die von ungeschütztem Verkehr ausgehen und gerade junge Leute aufzufordern, die Augen nicht zu verschließen, vor denen die gleichgültig gegenüber dem Schutzmittel Kondom sind. Sie rief zur Zuwendung auf, für jene, die auf Grund ihrer Krankheit ausgegrenzt werden und jene, die krank sind und Hilfe und Betreuung brauchen. Noch immer steckt sich jeden Tag ein Mensch in Berlin mit HIV an. Aufklärung ist also nicht von gestern und die Lümmeltüte schon mal gar nicht.
Die Berliner AIDS-Hilfe, der der Reinerlös der Gala zugeht leiste großartige Arbeit, meinte auch Klaus Wowereit. Zuletzt konnte der Regierende - stellvertretend - einen Scheck über 93333.- EURO entgegen nehmen - eine stolze Summe, zumal es in diesem Jahr keinen Hauptsponsor für die Gala gab.

Es wäre nickelig, die Moderatoren für ihre teilweise schlecht vorbereiteten Späßchen und Sätzchen zu rügen. Es wäre doof, die Dauer des Programms als "einen Tick zu lang" zu kritisieren und es wäre geradezu blöd, nicht allen, die diesen Abend möglich gemacht haben, einen Blogger-Dank zu widmen. Die Gala "Künstler gegen AIDS" 2007 hatte eine Botschaft, sie machte Spaß und zeigte Lebensfreude und brachte einen dicken Scheck für einen denkbar guten Zweck. Skandale habe ich nicht ausgemacht. Ob die Kollegen der Zeitungen mit den großen Buchstaben das wohl anders gesehen haben?

1 Kommentar 6.11.07 01:34, kommentieren

PROPAGANDA für den ewigen Sommer - Berlins neue Partyreihe punktet

Die Rote Schleife


Ich gebe es zu: für die wirklich cremige PROPAGANDA-Party im wieder entdeckten Edel-Goya am Nollendorfplatz war ich an diesem zweiten Sonnabend im November (10.11.07) einfach zu bunt. Nicht bemalt oder geschminkt, sondern gekleidet.
Mein Rückgriff auf den Kleiderschrank der 80er, mein vertrackt subtiler Versuch bei der zweiten Auflage der Metropolenparty im Miami-Vice-Style a la Kommissar Crockett aufzutrumpfen, erwies sich als vollkommener Fehlschlag. Fotos existieren, doch ich verbiete hiermit jede Veröffentlichung. Grau und Gold, dazu Blue-Jeans. Das ist nicht Propaganda-Look !
Bei Propaganda zeigten sich die sicher mehr als 1000 Besucher einmal mehr im besten Sommer-Shirt-Style ohne Schnick und Schnack. Trotz langer Warteschlange an Einlass und Garderobe, trotz zugiger 2 Grad auf schneeregennassem Trottoir träumt der Metro-Gay Berlins offenbar auch im tiefen November kleidungstechnisch von den Verlockungen des Sommers. Da werden Muckis gezeigt und austrainierte Brüste, da trägt Mann zum Sakko den schmalen Binder (Warnung: sehr 80er!) und die Jung-Schwuppe Hemdchen der Plagiat-Gucci-Designer mit riesigen Markennamen, offenbar als Zeichen enormer Geldbeutelgröße. Alles in allem - ein wirklich buntes Treiben auf den drei Etagen voller Party, Musik und Flirt. Musikalisch auch beim zweiten Mal exakt programmiert von DJ Maringo und zuvor von Am-Traxx, dessen Homebase das "Felix" am Hotel Adlon ist. Biggy van Blond´s Plattentellerkünster auf der zweiten Etage gingen dagegen etwas verloren.

Die Partymacher haben sich die Erfahrungen der Premiere im Oktober offenbar genau angesehen und mit Liebe zum Detail weiter gerackert. Der Service an den Bars perfekt, die Tanzfläche frei von Glas-Ballast und dabei im ständigen Visier der "Staff-People". Gib mir jemand doch mal ein deutsches Wort für die fleißigen Helfer, das nicht wie "fleißige Helfer" klingt! Alles für 12 Euro Eintritt, was sicher nicht wenig ist und nicht bei jedem gut ankam. Doch die Kosten solcher Unternehmungen schreien nach Preisen, die sich inzwischen über der für Berlin magischen Grenze von 10 Euro bewegen. Die Getränkepreise zeigten sich erfrischend stabil und im üblichen Hauptstadt-Rahmen. Danke.

Noch eine Beichte: im letzten Blog zu PROPAGANDA "forderte" ich eine Lexus-Limousine für die beschwerliche Heimfahrt nach heißen Partystunden ein. Das war lieb gemeint und was geschah ? Ich bekam sie, inklusive eines wirklich charmanten Chauffeurs. Der Blog hat - denke ich- darunter nicht gelitten. Mein waches Auge auch nicht, hoffe ich. Sollte mein Wahrnehmungshorizont durch die 130.000 Euro-Kutsche mit Shiatsu-Massage-Sitz im Fond dennoch getrübt worden sein, dann bitte ich um Kommentare zu Party und Blog. Jetzt und hier ! Seid versichert, der Veranstalter liest es !

1 Kommentar 11.11.07 13:42, kommentieren

ES WIRD ENG - WELTAIDSTAG braucht Impulse

Es muss gesagt werden: HIV und AIDS schleichen sich in das Leben von immer mehr Menschen in dieser Stadt, Virus und Krankheit quälen und töten. 20 Prozent der HIV-Positiven Deutschlands leben in Berlin. Täglich erhält mindestens ein Mensch in der Hauptstadt die Diagnose HIV - soweit die Wahrheit. Unbekannt ist, wieviele Männer und Frauen das Virus in sich tragen ohne es zu wissen. Noch fraglicher, wieviele Leute sich gar nicht mehr darum scheren. So wie Sebastian (18), der nur unsafen Sex haben möchte, einen Test aber ablehnt, weil er "...es nun mal nicht wissen will."
Wo ist der große, der kollektive Aufschrei aus der Szene ? Was gibt es mehr, als Aktionen und guten Willen ? Es ist Weltaidstag - ach ja, wie jedes Jahr, oder ?

Es ist so schön normal geworden: am 1. Dezember steckt sich der politisch korrekte, vielleicht sogar heterosexuelle Mann eine rote Schleife ans Revers und schaut betroffen, wenn die Medien über steigende HIV-Infektionszahlen berichten und sich um die immer jüngeren Leute sorgen, die sich unvorsichtigerweise anstecken. Das schwappt bei vielen Jungschwulen inzwischen nur noch von Ohr zu Ohr. Sebastian chattet sich abends im "Gaychat" einen Partner "ran", wie er sagt. Er bietet Sex ohne Tabus und natürlich ohne Kondom. Auf die Frage nach dem "Warum" sagt er nur: weil er so mehr Chancen habe. Und HIV? "Läßt sich doch behandeln", meint Sebastian, "...stirbt man doch nicht mehr dran."

In Gayromeo diskutieren die wohlmeinenden Botschafter des Gummischutzes wie alle Jahre wieder um Bareback ("Reiten ohne Sattel- sprich: GV ohne Kondom") und wollen all die Clubs verbieten lassen, in denen sich Männer verabreden, die "es" wie der semmelblonde Sebastian ohne Gummi tun wollen. Macht es ! Verbietet den ganzen Kram! Die Realität hat alle guten Absichten längst überholt. Von Leipzig aus gehen immer mehr Server von "barebackcity" ans Netz - einer ganzen Community, die die Themen Übertragung, Infektion, Krankheit, Verantwortung bewusst ausblendet und dies ebenso bewusst propagiert. Das Motto: "Wir stehen dazu und das ist doch gut so." Diese Haltung ist zwar menschenverachtend (auch sich selbst gegenüber), greift aber immer mehr Raum.

Nebenbei spitzt sich die Lage auch in der öffentlichen Debatte zu: die Kassenärztliche Vereinigung Berlin will die Budgets zur Behandlung HIV-Positiver, die sie Schwerpunktpraxen zahlt, deutlich kürzen. Betroffene aus Berlin könnten künftig weniger gut behandelt werden, warnen die Schwerpunktärzte. Geld für Betroffene aus Brandenburg und anderen Bundesländern will die Berliner KV gar nicht mehr zahlen. Derweil suchen Staatsanwälte nach AIDS-Medikamenten, die inzwischen auf dem Schwarzmarkt gehandelt werden. Durch den Bundestag geisterten bereits Papierte, in denen die Kosten der Krankenkassen für die Behandlung von HIV/AIDS-Patienten aufgelistet wurden. Der Hintergedanke ist eine spannende Frage: kann sich die Gemeinschaft der Versicherten einen solchen Milliardenaufwand auf Dauer leisten? Auch für Menschen, die sich möglicherweise im Wissen um die Gefahr angesteckt haben? HIV ist eine erworbene Krankheit und nur der Artikel 1 des Grundgesetztes "Unantastbarkeit der Menschenwürde" bremst diejenigen, die hier schon eine Antwort gefunden haben. Sicher, noch wird am 1. Dezember von allen Seiten Solidaritätsgesäusel zu hören sein, doch wie lange hält die Zusage der Unterstützung durch die Gesellschaft, wenn die "Zielgruppe" aller Anstregungen ihrerseits immer weniger Solidarität mit der Gesellschaft zeigt? HIV und AIDS sind behandelbar. Das aber ist kein Freifahrtschein für Leichtsinn und Desinteresse. Das Motto des Weltaidstages 2007 "Wir zeigen Verantwortung!" soll wohl nichts anderes sagen. Also tragt die Schleifen wo sie hingehören - am Herzen. Und tragt ein Gummi - ebenfalls da, wo es hingehört!

1 Kommentar 26.11.07 13:05, kommentieren