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"Queen of Comedy" - Berlin liegt Cindy aus Marzahn zu Füßen

Stühle werden in den kleinen Saal im Souterrain des Friedrichstadtpalastes getragen. Drei Abende im Quatsch Comedy Club - drei Mal das gleiche Bild: ausverkauftes Haus, johlendes Publikum und am Ende Ovationen für Ilka Bessin. Als Cindy aus Marzahn im quietschrosa Tagesanzug, später dann im ebenso kreischpinken Kleid mit Plastik-Diadem im Haar, gewährt sie Einblick in das Leben am sozialstaatlichen und menschlichen Abgrund. So muss die Hartz IV-gebeutelte, alleinerziehende Mutter nicht nur den Geschlechtstrieb des Tochter-Freundes, Marcel Kevin Justin Jason überwachen, sondern auch Tag für Tag erfahren, wie Träume platzen. Egal, ob das Vorhaben, Supermodel zu werden; eine Schönheitsoperation in Polen - alles mündet im ewig gleichen Versagen und dem Gefühl des Zukurzkommens. So steigt marzahn-urbane Aggressivität auf, die Cindy lautstark auch ins Publikum verteilt. Auf der Suche nach dem Glück in der Platte erzählt sie in fast zwei Stunden Programm über so ziemlich alle Höhen und Tiefen des Alltags im real existierenden Sozialstaat mit seinen Mittagstalkshows, "Joop-Center"-Servicekräften und all den Losern, wie ihren angehimmelten Enrico, der letztlich auch nur ein weiterer von tausend Gründen ist, alles hinter sich zu lassen und Prinzessin werden zu wollen. Besungen wird dies natürlich im Stile der "Plattenpussys", deren größter "Hit" verdächtig nach J.Lo (Jennifer Lopez) klingt. Am Ende hält Peter Maffays "Tabaluga"-Liedchen "Ich wollte nie erwachsen sein..." in Cindy-Version den Zuschauer fest.
Da ist eine Künstlerin, die sich nicht auf Kosten der Schwachen belustigt. Sie hat genau hingehört und hingesehen. Ilka Bessins Cindy sagt, was sie denkt, wenn auch nur beim ersten Hinhören. Hinter den Worten und der geschminkten Fassade leuchtet aber eine exakte Beobachtung davon, wie Leben heute ablaufen kann. Die Künstlerin war selbst arbeitslos und weiß, was es heißt, nicht zu jenen zu gehören, die die "dicke Kohle" machen - auch wenn sich dieses Blatt für sie gewendet haben dürfte. Seit Monaten reißen sich TV-Shows und der Club um das Original mit der (vor)lauten Stimme. Comedy nahe am Kabarett. Parodie, so lebensecht, das es manchmal schmerzt und dennoch stirbt gerade bei Cindy nicht die uralte Hoffnung, dass es jeder mit seinen Fähigkeiten schaffen kann. Auch wenn es die Tussi im Job-Center ("Joop-Center") nicht erkennen will. Ilka Bessin ist längst nicht nur Prinzessin - sie ist auf dem Weg zur Queen of Comedy.

Tourneeprogramm - "Ich wollte ne Prinzessin sein"
www.cindy-aus-marzahn.de

2 Kommentare 18.1.08 00:20, kommentieren

Letzter Vorhang - Quatsch Comedy Club beendet "Queer"-Reihe

Am Ende hatte er doch ein kleines Tränchen im Auge. Georg Uecker, zehn Jahre lang Gastgeber der Showreihe "Queer-Comedy", davon fünf Jahre im Souterrain des Berliner Friedrichstadtpalastes. Wenn es am Schönsten sei, solle man aufhören, meinte der Mime, der in jeder Show nicht nur Glanzlichter und Verrücktheiten der deutschen und internationalen Comedian-Szene auf die schmalen Bretter des Quatsch Comedy Clubs holte, sondern als Moderator immer auch tief ins eigene Gefühls- und Liebeslotterleben lugen ließ. Und so stellte sich Uecker noch einmal vor das Publikum und holte raus, was raus zu holen war. Zum Beispiel: "Die Frau, die immer die Wahrheit sagt, auch wenn es weh tut", Gaby Decker und "The Art of Mouth", ein geradezu wahnsinniges Komiker-Duo, das tatsächlich alles mit dem Mund machte. Musik, Sprüche, und Geräusche in einem Mix, der Nerven kostete, dafür aber alle Lachmuskeln trainierte. Unterhaltsam wie immer, die Gespräche, die Georg Uecker spontan aus dem Hut zauberte, indem er "Opfer" aus dem Publikum zu sich auf die Bühne holte. Obs der 33jährige "Gayromeo"-User war oder die bisexuelle Aktrice Salomé - sie alle hatten ihren kleinen Auftritt, wurden zu Stars des Abends.

"Queer Comedy" - eine Idee von Quatsch-Intendantin Thomas Hermanns und Georg Uecker, wohl auch, weil der ewige Dressler Doktor aus der Lindenstrasse mehr drauf hat, vor allem aber mehr will, als "bei Mutter Beimer Abstriche machen". So kam ein Konzept auf die Kleinkunstbühne, das Hochzeiten erlebte und rappelvolles Haus; das sich aber auch gegen den Trend der Normalisierung erwehren musste. Ein pur "queeres", also schwules Programm mit schwulen rsp. lesbischen Akteuren klang zuletzt dann doch zu sehr nach Vergangenem, nach 90er Jahre - obwohl das Programm die "Ich-bin-was-ich-bin"-Attitüde nie überstrapazierte. Der Jubel der frühen Jahre war mit der Zeit ein wenig verflogen und so kam es, dass Georg Uecker seinem Publikum sagte, es sei nun Zeit, neue Ideen zu entwickeln. Recht so. Im Zebrakleidchen und mit Königin-Agnetha-Perücke stolzierte denn auch Thomas Hermanns zur Verabschiedung auf die Bühne. Eine köstliche Überraschung zum Schluss.

Niemals geht man so ganz, sang einst die Trude, die Herr. Und darum sei gesagt, was - mit köllschem Zungenschlag - gesagt werden muss: Schorsch, Jung, fehl uns nit zu lang!

2 Kommentare 23.1.08 15:59, kommentieren

Ross und der Ekel - was wird aus den Dschungel"stars"?

Am Ende hatte der neue Dschungelkönig, Ex-Brosis-Sänger Ross Anthony auch noch einen Krokodilpenis verspeist und mehrere Erdwürmer vertilgt. Er kaute sich durch Känguruanus und musste dafür ein Schnitzel mit Pommes verschmähen. Ja, die RTL-Dschungelshow lief noch einmal zur vollen Ekelhaftigkeit auf, wobei sich der Magen des in 16 Tagen gestählten Zuschauers wohl kaum noch bei den angebotenen "Köstlichkeiten" umzudrehen vermochte. Eher noch über die Bösartigkeit der Macher, einem ausgelaugten Dschungelthronaspiraten wie "Rossi" zum Urwald-Kompott allen Ernstes glänzende Gummibärchen als Alternative vorzusetzen. Doch der Brite hatte die erste Regel des "Ich bin ein Star..."-Abenteuers am Besten von allen Teilnehmern begriffen: für die Show geht alles! Und - bloß nicht langweilen! 16 Tage im Harmoniecamp, da musste noch etwas kommen. So zeigte sich in der letzten Sendung letztmals das wahre Gesicht eines Fernsehphänomens, das von gezielter Erniedrigung der Kandidaten lebt, das die menschliche Würde durch krudeste "Dschungelprüfungen" verletzt und - nicht zu vergessen - erst durch die herzlich ausgeübte Boshaftigkeit des Moderatorenduos Bach/Zietlow zum Quotenerfolg wurde. Trotz aller fehlenden Reibereien, allen Zusammenhalts und aller gelebten Bata-Illic-"Charmonie" bei den Campbewohnern. Soviel Erfolg war nicht abzusehen, denn die meisten der 10 "Stars" hatten ihre Karrieren bereits lange hinter oder nie vor sich. Mit anderen Worten: sie hatten kaum etwas zu verlieren. So gab es Bilder, die die TV-Macher erträumt haben dürften: vom Nacktbader-DJ bis zu den "Wassernixen" Isabel und Michaela.
Was wird nun aus ihnen? Man darf spekulieren:
Etwa noch eine Woche lang werden die Dschungelbewohner durch alle möglichen und unmöglichen Formate bei RTL gereicht, ausser jener DJ natürlich, bei dem man nicht weiß, ob er zu unpassender Zeit den rechten Arm hebt. Und dann? Was macht nun Lisa Bund, die ja schon festgestellt hatte, dass ihr Gesang nicht zur großen Karriere führte, wenn sie feststellt, dass dies der Dschungelaufenthalt auch nicht ändert? Wo wird sich Barbara Herzsprung wiederfinden, die mit der Dschungelgage immerhin wohl ein Yoga-Studio aufmachen könnte? Oder Eike Immel? Lockt doch ein Plattenvertrag für den Sangesfreudigen und Auftritte bei Apres-Ski-Shows auf RTL 2? Hat die Mühe dann gelohnt?
Wie, Sie lachen? Man wird doch fragen dürfen!
Was kann sich Ross Anthony von seinem Titel "kaufen"? Eine neue Popband wohl kaum und Berühmtheit auch nur ähnlich lange, wie sie all den Stars des Kommerzfernsehens zuteil wird, die sich durch Castingsshows und Dschungelexperimente schleppen. Sie sind nunmehr Teil einer Fernsehmaschine 2008, die immer neues Futter für ihre Klatsch- und Tratschsendungen braucht - was für eine Karriere! Dennoch sei gesagt, dass mit dem schwulen "Rossi" jemand gewonnen hat, der alle seelischen Höhen und Tiefen des zweiwöchigen Dschungelknastes mit "Zwangsarbeit" durchlebt und für den Zuschauer nachvollziehbar durchlitten hat. Einer, der sich am stärksten zeigte, wenn er vermeintlich am Schwächsten war und der es schaffte, sich selbst zu überwinden und dabei über sich selbst zu lachen. Auch die alberne Dschungelkrone, die Mr. Anthony am Schluss aufgesetzt wurde, trug er noch mit strahlender Würde. Wie gesagt: der Brite hatte die Regel Nr.1 der Show am besten begriffen. Soll man gratulieren? Aber ja!

1 Kommentar 27.1.08 00:43, kommentieren

Germany - some Points? Fünfe wollen nach Belgrad

Schlagerfreunde, wir müssen wieder "Aufrecht geh´n"! Denn "Wunder gibt es immer wieder" und wir Fans wissen: "Ein Lied kann eine Brücke sein." Jubelnd und mit "Rücksicht" werden wir auch 2008 in Belgrad das "Theater" des Eurovision Song Contest (Grand Prix) bestaunen, das nur gewinnt, "Wer Liebe lebt". Doch "Träume sind für alle da" und so singen zunächst die fünf deutschen Aspiranten für den Wettbewerb, natürlich "Für alle", aber zunächst im Vorentscheid, am 6. März in Hamburg. Die Songs, die "Flieger" oder auch "Ein Hoch der Liebe" sein dürfen, kennen nur eine Regel: alle haben höchstens drei Minuten "Zeit", sonst setzt es "Feuer". Die Interpreten 08 könnten ein spannendes, musikalisches Spektrum umfassen. Namen wie die No Angels oder Marquess wollen "Diese Welt" erobern. Aber mit welchem Material ? Leider bieten ihre Lieder fast ausschließlich Pop-Einfalt. "Viel zu weit" entfernt von Überraschendem und "No No Never" genug, um im Kreisch- und Kostümkarneval der Eurovision- Show aufzufallen. Aber "Laß die Sonne in Dein Herz" und schau mit mir und "Ein bisschen Frieden" auf die Kandidaten:

No Angels - wahrscheinlich ist es der inzwischen zehnte Comeback-Versuch der vier Damen um "Lady Lucy". Nur diesmal wird es wohl bemerkt werden. Ihr Song: "Disappear" ist poppig, "No-Angel"-Ware wie seit Jahren und ohne Höhen und Tiefen. Nett, aber unauffällig. Ein "Sing Sang Song" (Platz 15, 1976).

Marquess - spanischsprachige Musik aus Hannover. Eigentlich eine schöne Idee, international und sehr "Wir feiern ne Party"-geeignet. Doch auch "La Histeria" klingt wie "Vayamos Companeros", der erste Gitarrenschredder-Hit der Gruppe. Immerhin aber würde sich Europa die Augen reiben, dass solch "Sommermelodie" (letzter Platz, 1974) aus Germany kommt.

Tommy Reeve - ein junger Münchener mit Piano und Soul in der Stimme. "Just One Woman" könnte auch von Papa Thomas Anders kommen, sehr schmusig, sehr unnötig. Leider ein Lied, das "Die Zeiger der Uhr" (10. Platz, 1966) nicht schneller bewegt, wohl kaum mit Chance auf einen Treppchenplatz.

Carolin Fortenbacher - will "Hinterm Ozean" nachsehen, ob eine Ballade mit Bombastschluss europaweit reüssieren kann. Zwar strahlt die junge Dame einige Erfahrung als "ABBA"-Musical-Sängerin aus, doch mag ich jetzt keine Verbindung zum ewigen GP-Klassiker "Waterloo" (1. Platz, 1974) ziehen. Das wäre billig.

Cinema Bizarre - das Tokio Hotel für Schlagerfans. Etwas schräg, etwas überphrasiert, mir kam "Run and Hide" (letzter Platz, 2005) in den Sinn. Und doch ist das Liedchen sicher ganz richtig, um junges Publikum vor den Fernseher zu locken.

Schließlich muss auch in Hamburg der Zuschauer wieder heftig telefonieren, bis ein Sieger/In gefunden ist. Dann gehts nach Belgrad am dritten Mai-Wochenende und ganz Deutschland "Can´t Wait Until Tonight", um die Show zu sehen, die eigenartigen Kostüme und Tanzeinlagen, die uns sicher wieder ein "Wadde Hadde Dudde Da" entlocken - in ihrer schrägen, mutmaßlich osteuropäischen Pracht. Vielleicht gewinnen "Zwei kleine Italiener" oder eine "Primaballerina", am schönsten aber wäre es doch, "Germany Twelfe Points" zu hören und zu summen: "Sing mit mir, ein kleines Lied...". Ja, "Dieser Traum darf niemals sterben"!

2 Kommentare 31.1.08 12:16, kommentieren