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CSD macht mobil - alles anders in 2008

Wer am kommenden Sonnabend, 28.6.08 am Kaufhaus des Westens, Kudamm und am Tauentzien auf den Demonstrations- und Feierzug der bunten Leute, namentlich der Schwulen, Lesben und Transidenten wartet, kann sich einen Stuhl mitnehmen. Denn die Parade zum CSD, dem Christopher-Street-Day hat eine neue Route und kommt zumindest an den genannten Orten olle Westberlins nicht vorbei.
Alle Besucher, die von Anfang dabei sein wollen, müssen in diesem Jahr gen Osten reisen (Achtung, Wagnis, liebe Schöneberger!), in die alte Mitte Berlins sozusagen, zur Schloßbrücke. Da gehts mittags los. So muss man(n) die Stöckelschühchen der Belastung eines Gangs quer herüber vom Hackeschen Markt (S-Bahn) oder längs vom Alexanderplatz (U- und S-Bahn) aussetzen. Grund ist zu allererst die Fanmeile auf der Strasse des 17. Juni, die zwar am Sonnabend nicht geöffnet wird (es ist nämlich spielfrei, Ihr ignoranten Nicht-Fussball-Versteher!), wohl aber nicht so schnell abgeräumt und am Finaltag (dem Sonntag, herrje!) wieder aufgebaut werden kann. Also muss diesmal andersrum (ha, Wortspiel) demonstriert werden und wer es mitmachen will (was die Organisatoren heute schon erflehen), braucht langen Atem und Waden wie Schweini (das ist der Spitzname eines deutschen Fussballspielers mit gefärbten Haaren, Schätzchen!).
Der Weg soll und wird lohnen, sagen die Veranstalter. Der CSD-Verein setzt in diesem Jahr nämlich auf ein ganzes Dutzend politischer und anderer Botschaften und läßt deshalb auch keine Botschaft aus (noch ein Wortspiel! Uff).
An der russischen Vertretung Unter den Linden darf nicht nur der sehr nett anzusehenden, aber letztlich gescheiterten Fussball-Profis um Andrey Arschawin bei der EM gedacht werden, sondern bitte sehr eher der Schwulen und Lesben im angeblich lupenrein demokratisch regierten Russland von heute, die offen angefeindet, ausgeschlossen und bedroht werden. Regenbogenflagge hoch für Solidarität, bitte!
Am Neubau der US-amerikanischen Botschaft in der Behrensstraße darf schon mal nach einer neuen Politik unter einem möglichen Präsidenten Barack Obama gerufen werden. Der zeigt bislang übrigens keine Lust auf eine neue, andere Politik gegenüber Homosexuellen, zum Beispiel zur Frage der Ablehnung Schwuler in der US-Army. Da ist Barack noch ganz George W. Fähnchen hoch auch hier - yes, we can!
Am nagelneuen, sehr würdigen Mahnmal für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus im Tiergarten gehts dann ebenso vorbei, wie viiiel später auch noch an der CDU-Zentrale. Diesen Ort könnte MANN und FRAU zur fröhlichen Anregung an die Merkel-Partei nutzen, dass eingetragene Lebens-Partnerschaften ja noch lange nicht mit der Ehe zwischen Frau und Mann gleich gestellt sind. Und da geht es nicht nur um die Steuer... Hier bedarf es politischer Durchbrüche und manch neuen Gedankens in den Köpfen der Gesellschaft, sprich: vieler Bürger. Dass die allerdings oft weiter sind, als die Politik, zeigt das Beispiel Schweiz. Im Alpenländle stimmten die Eidgenossen gerade erst mehrheitlich für eine Gleichstellung von Lebenspartnerschaften von Homosexuellen mit der Ehe zwischen Heterosexuellen.
Hier können wir alle mehr - schließlich sind auch wir Deutschland!
Überhaupt ist der gesamte CSD in diesem Jahr sehr auffordernd. Das Motto: "Hass´ Du was dagegen?" versteht wahrscheinlich nicht jeder, schon gar nicht mit dem törichten Anhängsel "Einfach Liebe". Aber die Frage provoziert geradezu die Diskussion:
-über noch immer fehlende Anerkennung von Schwulen, Lesben und Transidenten
-über die wieder steigende Zahl von Gewaltdelikten gegen Homosexuelle
-über die längst vergessen geglaubte Probleme junger Leute an Schulen, wenn sie sich outen und spüren müssen, dass "schwul" auf dem Schulhof das angesagteste Schimpfwort ist.
Aber die Frage meint auch die Homos selbst. Sie ist mutig, denn sie bedeutet ein Eingeständnis. Auch unter den ach so toleranten und Toleranz einfordernden Regenbogengängern gibt es Vorurteile, Ablehnung und offene Diskriminierung gegenüber anderen Regenbogengängern - etwa von Muslimen, Alten und Menschen mit HIV. Das Motto spricht so auch die Haltung von Homos zu Homos an - ein historisches Novum, das im Diskobeat der Star-DJ´s auf den 47 Wagen nicht untergehen sollte.
Mehrere Hunderttausend möchten kommen und am Ende der Demo gegen 18 Uhr an der Siegessäule feiern und großen Bands zujubeln. Zum Beispiel den Jungs von "The Bosshoss" mit ihrem Country-Sound oder der "Übermutter", wie Lucy van Orgs neues Projekt heisst.
Also: alles irgendwie anders und doch wie in jedem Jahr. Spaß, Ernst, hoffentlich Sonne und Wärme (angesagt: wechselnde Bewölkung, etwas Sonne, 23 Grad) und jawohl - das gute CSD-Gefühl, dank auch einiger Schlucke lauwarmen Sektes. Manche Dinge ändern sich eben nie!

26.6.08 23:49, kommentieren

"Weihnachten für Schwule"- CSD 08 ein voller Erfolg

Was für ein schöner Erfolg. Mehr als 500000 Menschen tummelten sich auf den Strassen in "Ost"- und "West"-Berlin und rund um die Siegessäule zum Christopher Street Day. Dabei hatten die Organisatoren vom CSD-Verein in Berlin einige Sorgenfalten auszubügeln, nicht nur was das wechselhafte Wetter anging. Eine neue Route, ausgerechnet am 30. CSD hätte - gelinde gesagt - voll ins Höschen gehen können. Doch schon an der Schloßbrücke, dem neuen Startpunkt tanzte und demonstrierte die geballte schwul-lesbische Power auf 47 Wagen und in ungezählten Gruppen zu Fuß am "Alten Fritzen" vorbei. Ein schönes Bild, dass der Preußenkönig wohl auch ganz nett gefunden haben dürfte - natürlich ohne sich selbst nackig zu machen. "Contenance, mein Lieber" - genau.
Reiter-Denkmal und Zuschauer sahen diesmal, wohl auch des Wetter wegen, einem Mix aus Sonne, Wind und Regen, jene - nennen wir es - sicher gut gemeinten Fleisches-Entgleisungen anderer Jahre nicht. Soll heißen: pure Nacktheit wurde weitesgehend vermieden, wenn man von einem Herren-Paar absieht, dass sich komplett körperbemalt zeigte und selbst kleinste Details nicht ausließ.
Am Potsdamer Platz ballte sich erwartungsgemäß das Interesse. Tausende bejubelten den Zug der bunten Leute und fotografierten alles, was in weißen US-Army-Uniformen oder in schriller Lady-Montur über den Asphalt stöckelte (Heteros sind ja so einfach gestrickt! )
Hier hörte ich Kommentare wie: "Laß uns ma weiter vorgehen, sonst seh ick ja nischt!" oder "Die sehen so toll aus!" oder "Kindchen, guck weg!" Der CSD begeistert und polarisiert - gut so! Einzig mäkelig zeigte sich Elmar Kraushaar, Aktivist der ersten CSD-Stunde vor 30 Jahren im schallungeschützten Studio des RBB. Der CSD-Trubel sei ihm fremd geworden, das Ganze vor allem eine Sponsorenshow und irgendwie habe es ja auch nichts mehr mit Politik zu tun. Mit ernster Miene bestätigten dies die Moderatoren, Herr Thadeusz und das Fräulein Schneider (die wohl auch nur auf der Bühne komisch ist), während am Studiofenster Wagen mit dem Losungsmotto dieses CSD "Hass du was dagegen?" vorbei fuhren. Wer es sehen wollte, hätte es also sehen können. Es war ein sehr politischer, fordernder CSD 2008. Das Thema "Ausgrenzung und Gewalt gegen Schwule, Lesben und Transidente" war eben nicht Nebensache, sondern in vielen Darstellungen auf den Wagen, aber auch bei den Fußgruppen vertreten. Da gab es die "Anti-Hass-Ambulanz" oder die Schwestern der Pepetuellen Indulgenz, die schon durch ihr Auftreten in Kostümen und buntem Gesichtsschmuck zur Auseinandersetzung reizen und gleichzeitig vor den Gefahren von HIV und AIDS warnen. Da war die Rede des CSD-Vorstandssprechers Jan Salloch, in der Politik und Gesellschaft ausdrücklich aufgefordert wurden, Homophobie in jeder Erscheinung zu bekämpfen. Auch das Signal in die eigenen Reihen, an Lesben und Schwule selbst, niemanden auszuschließen, weil er oder sie krank, alt, behindert, Tunte oder Drag-King sind, kam an. Hunderttausende hörten es an der Siegessäule und jubelten diesen Forderungen zu. Die ARD-"tagesthemen" widmeten dem 30. CSD einen eigenen Beitrag. An dessen Beginn ließen sich drei Hauptschüler über Homos aus, die in ihren Augen "keine Menschen" seien. Der Hass ist da war die Botschaft des Beitrags, besonders an Schulen und der CSD kämpft dagegen. Die Kollegen hattens also verstanden, auch ohne Nina Queer, die live im RBB "Fiinaaale"-Schlachtrufe anstimmte. Thema verfehlt! Setzen!
Die Botschaft dieses Christopher-Street-Days, dieses "Weihnachtsfests für Schwule und Lesben", wie es Robert Kastl vom Organisatoren-Verein so nett nannte, blieb eben nicht im Humta-Humta der Bassboxen auf den Wagen stecken. Auch wenn diese in diesem Jahr wieder mit besonderer Mühe gestaltet waren. Sieger in 2008, der Space-Wagon, mit "Enterprise-Kanzel" und tollen Jungs in Uhura-mäßigen Kostümen.
Übrigens: Klaus Wowereit fehlte. Der Regierende war nach Paris eingeladen und blieb dem Treiben fern. Die "Mutti vons Janze" verpaßte so die Kritik an der derzeitigen Präventionssparpolitik des Berliner Senats (rot-rot übrigens und beide roten Parteien waren mit Wagen am Start). In Sachen AIDS-Beratung macht Berlin nämlich leider Schotten dicht und zeigt weniger Engagement als die Bundesregierung, die einen nationalen Aktionsplan gegen HIV und AIDS aufgelegt hat. Nu aber ran, Herr Regierender. Berlin, als Brennpunkt der Epidemie sollte zügig nachziehen.
Noch was ? Ach ja. Im VIP-Bereich erhitzten sich die Gemüter an einem Gast im "Thor-Steinar"-T-Shirt. Zwar trug das Hemdchen keine rechtsverdächtigen Runen, dennoch sollte jeder wissen, dass Toleranz und Akzeptanz nicht soweit gehen, als das man jede Dummheit auch noch gut finden müßte - oder? Ausgezogen hätte es dem jungen Mann eh besser gestanden.
Party des Abends: die CSD-Mugge im GMF-Weekend am Alex. Über den Dächern der Stadt relaxen oder abzappeln. Dazu coole Live-Musik (mal was ganz anderes!) - super. Es könnten nur gern mehr Fahrstühle in die 12. bzw. 15. Etage sein und irgendwann auch ein Einlaßstopp. Wie soll man flirten, wenn einem ständig auf die Füßchen getreten wird? Oder war das der Flirt? Ich chille jetzt und denke nochmal drüber nach.

1 Kommentar 29.6.08 13:19, kommentieren