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Fleisch 2.0 - Reales und Virtuelles auf dem "Hustlaball" 2008

Ich gebe es zu. In Zeiten des rasenden Austausches von Informationen, Meinungen, Bildern, Filmen und Milliarden rund um den Globus erscheint ein Blog über ein Ereignis, das mehrere Tage zurückliegt eher "veraltet". Doch es brauchte seine Zeit, bis ich mich von all den meist nackten Tatsachen des diesjährigen "Hustlaballs" in Berlin und von einigen Getränken, die mir einfach vor die Nase gestellt worden waren, erholt hatte. Ich benötigte ganze zwei Tage und eine kleine Reise, um mich zu sortieren. Ausserdem kratzte schon während der Taxi-Fahrt vom Ort des Treibens zum gastlichen Nachtgemach eine nicht ganz unwesentliche Frage an meinen stark überreizten Synapsen - wozu das alles?
Wer mag, lese also weiter, wie ich um Antworten, letztlich aber noch um Atem ringe. Auch wenn der Ball der XXXographen schon Tage, Nächte und -in Internetzeiträumen ausgedrückt- ganze Äonen her ist. (Hustlaball am 17.10.2008 im KitKat-Club, Berlin - Anm. d. Red.)

Nein, verstehe mich niemand falsch! Schon gar nicht Sascha, der charmante Gastgeber des Balls. Ich verreiße dieses Event nicht! Ich stelle seine Wirkung auf Körperregionen des Mannes, die allgemein im Verborgenen bleiben nicht in Frage und ich gebe auch keine besserwisserischen Tipps, wie alles schöner und geschmackvoller aussehen könnte. Obwohl es dazu Einiges zu sagen gäbe! Ich versteige mich nicht in die Schilderung von Einzeleindrücken zwischen mehreren hundert, meist leicht bekleideten oder völlig nackten Kerlen, von denen mehrere Hundert nur das Eine im Sinne hatten. Und alle mit mir .... (ein Scherz). Ich schildere auch nicht die Bühnenshows der Stars der Branche, die an Offenheit keine Wünsche offen ließen, denn ich möchte keinen Ordnungsverhüter locken, mich genauer zu befragen. Ich vergehe mich allerdings an der Bemerkung, dass ich schon mal genauer hinsah, ob bei all den "Einlagen" im Scheinwerferlicht auch bitte Gummis dabei waren. Sie waren es und das war auch gut so! Wie diesbezüglich die Verkehre in den weniger beleuchteten Katakomben des Klubs abliefen, entzieht sich meiner und wahrscheinlich der Kenntnis so manches Teilnehmers. Immerhin gab es Aufrufe, auf die eigenen Getränke zu achten. GHB - die Modedroge bedroht massiv die Partypeople Berlins und fand bei den "Hustlas" plakative Ablehnung. Auch das - ein klares Statement in einem Pool von Lebensfreude, wie die einen sagen. Oder in einem Sumpf von Scham- und Maßlosigkeit, wie es die anderen nennen - die Kritiker, die Warner, die Abgeklärten. Frager wie ich bleiben irgendwo in der Mitte, fragen aber: welche Botschaft steckt in diesem Ball? Was ist die Message dieses Events, das die Labels der Sexindustrie feiert, manchem ihrer Protagonisten den VIP-Raum öffnet und das Gefühl von Wichtigkeit vermittelt und bei dem einerseits der perfekte Phallus vergöttert wird, bei dem aber auch junge Männer im Rudel auf der Bühne teilnahmslos sexuelle Handlungen betreiben, für die sie offensichtlich noch keine innere Haltung aufbringen können. Sind die schrillen Auftritte die Botschaft, die hämmernde Musik, der Geruch von Testosteron, Libido und Poppers? Ist es die Message vom "Schütze Dich"? Wenn ja, hätte ich gern mehr Tütenverteilstationen gesehen und nicht nur jene der MANEO-Jungs.

Vielleicht ist es ja ganz gut, dass der Ball schon einige Tage zurück liegt und sich schnell hinter die Wolken meines Geistes zurück zieht. Vielleicht sollte ich es mir nicht so schwer machen und den Hustlaball als das nehmen, was er ist. Eine Party für Freunde des Handfesten, des Eindeutigen, des Wenig-Verhandel-, aber Wandelbaren. Ach ja, manchmal mag ich das ja auch. Nur das zwischen all den fleischigen Eindrücken Emotion fehlt, etwas Echtes, nicht Gespieltes - ob auf der Bühne oder an den Bars und im Keller. So etwas Freundliches, darf ich sagen Menschliches? Ich bleibe wohl einer jener Konsumenten, die noch immer glauben, am Ende eines Pornofilms komme bestimmt das Happyend.

1 Kommentar 21.10.08 00:45, kommentieren