Ibiza 07 - weniger Regenbogenfarben auf der weissen Insel?

Ibiza, die weisse Insel kämpft. Es geht um ihre Gäste, besonders um die schwulen Gäste. Die zeigen immer weniger Interesse an der Isla Blanca, die einen Weg sucht zwischen Massentourismus, offenem Nepp und mediterraner Romantik. Sind die Zeiten der Großraumdiskos, der Schaum- und Sexparties endgültig vorbei ?

Abend für Abend wiederholt sich am weltberühmten Café del Mar ein Ritual. Tausende Menschen drängen sich auf weissen Klappstühlen, langen Holzbohlen oder direkt auf den flachen Felssteinen vor dem Meer und sehen Richtung Westen. Dorthin, wo die Sonne untergeht. Aus den Boxen des Cafés dröhnt Chillout-Musik, eine Mischung aus Massage-Yoga-Klängen und Disko-House, die selbstverständlich im Laden um die Ecke auch als CD käuflich zu erwerben ist. Lauter als die Musik sind nur die Menschen selbst. Wer Ruhe zum romantischen Blick sucht, wird eher enttäuscht. Ibizas Romantik kommt hier geschäftsmäßig daher. Händler von Diskotickets ziehen zwischen den Jugendgruppen, ihren Bierflaschen und manchem selbst gedrehten Joint die Runde und preisen Edelclubs wie das “Pacha” oder Riesentanzhallen wie das “Amnesia” an. Tickets wechseln den Besitzer für noch immer 25, 30 oder 40 Euro - wohl gemerkt nur für den Eintritt in die Diskotempel. Taucht die Sonne dann ins Meer gibt es Jubel und Applaus. Für ein paar Minuten ist unser Stern der Star, der Abend für Abend die gleiche, verläßlich gute Perfomance hinlegt. Minuten später schon zerstreut sich die Menge in die unzähligen lauten Bars von San Antonio. Für den oberflächlichen Touristen ist die Ferienwelt der Balearen-Insel hier noch vollkommen intakt.

Ab Juni/Juli ist Hauptsaison auf Ibiza. Im Minutentakt schweben die Ferienflieger ein und bringen meist junge Leute aus ganz Europa auf die Insel, die hier Sonne, Meer, Partyspaß und Sex suchen. Noch immer wird Ibiza jede dieser Hoffnungen bestens erfüllen, doch das vermeintlich unbeschwerte Lotterleben beschwert die Insel zusehends. Gäste, die wie ich seit Jahren immer wieder kommen, sehen die Signale eines deutlichen Rückgangs beim Besucherandrang. Im Vergleich zumindest zu jenen Julitagen auf dem Eiland vor fünf, drei oder einem Jahr. Auffällig dabei: Ibiza scheint für schwule Touristen immer weniger interessant zu sein. Galt die Innenstadt von Eivissa-Stadt, die wunderschöne Dalt Vila mit ihren engen Gassen und geschäftigen kleinen Bars und Kneipen als ideales und völlig überfülltes Terrain für schwule Unterhaltung, so zeigen sich heute Lücken. Weniger Andrang, weniger schwule Bars auf der Calle de la Virgen, der regenbogenfarbenen Jungfrauenallee, wie ich sie gern nenne. Selbst im “Angelos”, DEM Treffpunkt für Männer vor dem Start in die Nacht blieben einige Sitzplätze auf der charakteristischen Mauer frei. Blicke wechselten hier dennoch ebenso wie Telefonnummern und Verabredungen - wen interessiert schon, was gestern war? Ibiza lebt im Heute und hat dabei ganz eigene Sorgen.

So ließ die Polizei der Insel kurz vor der Hochsaison drei Diskotheken schließen (u.a. DC10 und Bora Bora), weil hier angeblich Beweise für die Förderung des Drogenhandels vorlagen. Eine einstweilige Gerichtsentscheidung führte zwar zur Wiederaufnahme der lukrativen Geschäfte, doch sollten die Schließungen vor allem ein Zeichen an die Betreiber aller fast schon übermächtig erscheinenden Glitzerbunker sein, sich nicht alles erlauben zu können. Der neueste Einfall übrigens, um Menschen in die Tanztempel zu bekommen: quirlige und zugegeben oft gnadenlos schön gestylte Promotionteams verteilen Armbänder aus Papier, die freien Eintritt z.B. ins “Heaven” (einen Londoner Club mit ganz neuer Dependance auf Ibiza) oder ins legendäre “Space” zur mindestens so legendären “La-Troya-Party” versprechen. Wer will nicht 30 oder sogar 40 Euro sparen? In den Clubs sorgt dafür dann weniger die Musik aus den perfekten Soundanlagen und mit den noch immer bekanntesten und besten DJ´s der Welt für Ohrensausen, sondern die Getränkepreisliste. Ein Auszug:

“Space” - Home of La Troya- Party- Stilles Mineralwasser 0,33 l-Plastikflasche: 7 EUR

“Space” - Wodka-Redbull-Mischung - 18 Euro

“Heaven” - Flasche Heineken-Bier 0,33 l - 8 Euro.

Möglich, dass diese Preispolitik nicht nur schwule Besucher eher abschreckt. Selbst die kleine und sehr beliebte Gay-Diskothek “Anfora” in Eivissas Altstadt, die bislang für durchaus faire Preise und ihren Dunkelraum bekannt war, läßt sich nun 15 Euro Eintritt nach 2 Uhr geben - mit einem inkludierten Getränk immerhin. Soll der Rückgang beim Publikum also von jenen bezahlt werden, die noch auf die Insel fahren? Auch am Regenbogen-Strand im Süden Ibizas, dem schneeweissen Platja de Cavallet (einem der schönsten Strände Europas, nebenbei gesagt) kommt man in diesem Jahr mit neuen, für den Gast teureren Ideen. So werden zur Strandliege erstmals auch weisse Auflagen mit dem Aufdruck der Strandbar “Chiringay” angeboten, die freilich nicht abgelehnt werden können. Mit Sonnenschirm kostet das ganze Ensemble um die 15 Euro - pro Tag.

Nicht zu vergessen: eine neue Inselregierung wurde gewählt. Deren Chef ist Sozialist und spricht über den Tourismus auf Ibiza als “Patienten”. Sein Ziel: weniger unbeherrschte Krach-Touristen auf die Insel locken und mehr Publikum gewinnen, das auch an den “kulturellen Seiten der Isla Blanca Interesse” zeige. Damit meint der Inselchef sicher nicht die Hippie-Märkte in Punta Arabi oder Las Dalias, nicht die neue und gräßlich staubige vierspurige Autobahn vom Flughafen der Insel nach Eivissa und wohl auch nicht das Café del Mar. Er meint wohl eher das Ibiza, das auch ich noch immer liebe und dem ich treu bleibe. Das romantische Inselleben an den vielen kleinen Buchten im Norden, das Eintauchen in die Welt der Fincas von Ökobauern und Alt-Hippies im bergigen Hinterland der Küste und die Schönheit der Prozessionen zu Ehren der Mutter Maria bei Portinatx und in Eivissa selbst. Auch das nämlich kann Ibiza sein.

Kategorie Leben, Party, Allgemein | 0 Kommentare »

23.7.07 11:20

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