Berlin hilft in jeder Lebenslage - ein Ehemaliger sieht seine Stadt

Ach ja - Berlin. Nach mindestens acht Wochen Sommerpause hier im Blog, die meinem Umzug hinaus aus der Bundeshauptstadt in die westdeutschen Weiten und Gefilde geschuldet war, regte sich in mir ein Gefühl von unbekümmertem Heimweh. Eine Mischung aus Neugier (weil sich die Stadt ja ständig ändert) und Freude, so darüber, Freunde wieder zu sehen. Eine berufliche Aufgabe war also schönster Anlass, Berlin für ein langes Wochenende anzusteuern. Und die Freunde. Und die Wahnsinnigen. Ohne Auto, angewiesen auf die BVG und plötzlich mit dem Schimmer des Touristen belegt, der "seine" Stadt zu kennen glaubt und den sie dann doch gnadenlos überrascht. An der Friedrichstrasse entsteht ein "Spreedreieck", ein Hochhaus mit Runddung, dem der "Tränenpalast" weichen musste. Wie fragte der Regierende angesichts des "Alexa"-Konsumtempels am Alex? "Wer hat denn sowas Häßliches genehmigt?" Hallo, Herr Wowereit - die Frage kann man auch an der Friedrichstrasse stellen. Und gleich mehrfach. Wo einst das Vier-Sterne-Hotel "Unter den Linden" DDR-Chic verströmte, steht nun ein Klotz aus Beton und Glas mit dem Versprechen, demnächst den "Douglas-Flagship-Store" zu beherbergen. Und - das muss ja so sein - sicher auch zahlungskräftige Mieter in den Apartments und Lofts, die einen Blick zum Tor der Tore (Brandenburger Tor) bieten dürften. Vor soviel Luxus weicht dann auch das Quentchen Natur, das bis dahin vor dem erwähnten Hotelbau ein wenig Luft in der verbauten Stadtmitte versprach. Alles weg - alles zugestapelt. Schön ist anders...

In einem Kunstforum gegenüber des Friedrichstadtpalastes stellen Künstler aus Korea aus. Moment - das ist spannend, denn es sind Künstler aus NORD-Korea. Erstmals zeigen sie im Westen ihre Bilder, heißt es im Katalog und in den Feuilletons der Berliner Zeitungen. Die "Kunstwerke" sind ein Ausweis einer Gesellschaft, die immer noch in einer Paralellwelt lebt. Wer den Realismus in den Gemälden der DDR ("Lieber vom Leben gezeichnet, als von Sitte gemalt") schon grausam fand, muss sich hier, im vierten Stock eines chic-modernen Glasbaus in Berlins geschäftigem Osten gruseln. Landschaftsbilder von ergreifend trauriger Schlichtheit wechseln sich mit Propaganda-Schinken ab, die nur eines beweisen - an Farbe mangelt es nicht in Pjöngjang. Prachtvoll inszenierte Arbeiter, Soldaten, junge Frauen, die mit Panzern spielen, eine Ärztin, die Kinder vom Lande impft. Details dieses Bildes sind besonders interessant: die Injektions-Spritzen sind offenbar aus Glas und die Nadeln liegen in einer kleinen Wanne, sind also wiederverwendbar. Im Hintergrund fährt derweil ein Panzer vorbei. Diktatoren mögen bei soviel Volkskunst erregt derilieren, dem Betrachter läuft ein ums andere Mal ein Schauer über den Rücken. Übrigens auch, wenn die Frage nach dem Preis von einer netten Dame mit kleiner Brille und Hausschuhen beantwortet wird. Ein Propaganda-Bild, immerhin einer Vorlage zum Druck von Plakaten soll 900 Euro kosten. Ein Landschaftsbild sogar mehr als 10000 Euro. Es geht doch immer um Devisen. Natürlich auch für die Parteifunktionäre des "Geliebten Führers" Kim Jong Il. Früher übrigens, also in Zeiten, als mein Hauptwohnsitz im Wedding lag, wäre ich wohl nicht auf die Idee gekommen, eine solche Ausstellung zu besuchen. Tja...

Die Mischung aus Bewunderung und Ärger über die Stadt bleibt aber in jedem, der hier lebt oder gewohnt hat. Ob ein Jahr oder zehn, wie bei mir, Berlin klopft immer wieder in den grauen Zellen an, aber auch in allen Nervenfasern und Adern. Zu prosaisch? Stimmt. Eben fährt der Mann, wahrscheinlich aus der Türkei nach Berlin gekommen, auf seinem Fahrrad umher und trägt dabei auf Bauch und Rücken knallgelbe, selbstgebastelte Protestschilder. Auf den Tafeln fordert er "echte Demokratie" und "Ich will auch wählen". Ich sehe ihn seit Jahren immer wieder in der Nähe des Nollendorfplatzes herum fahren. Er wird einfach nicht müde so einsam zu protestieren. Doch die Luft muss schlechter geworden sein. Heute fuhr er mit einem silbergrauen Mundschutz im Gesicht durch den Kiez. Im Café Berio herrscht derweil "Business as usual", während im "Boys R Us" gegenüber Sportklamotten mit drei Streifen verramscht werden. Obwohl 20 Euro für ein T-Shirt immer noch recht hochpreisig bleiben - also relativ gesehen, hier in der "Hartz IV-Hauptstadt" (Zitat: Helmut Schmidt). Dafür erfährt der geneigte Kunde ganz nebenbei und schonungslos was derzeit angesagt ist. Vor der Umkleide wird ein junger Mann begutachtet, der sich in eine neue, reichlich enge Designer- Jeans gezwängt hat. Sein Freund scheint skeptisch zu sein und blickt etwas sorgenvoll auf Rückansicht und Schritt des "Boys". Der Verkäufer zeigt hingegen Schöneberger Kenntnis und flötet. Zitat: "Es ist jetzt total trendy, den Puller nach hinten zu tragen."
Berlin hilft doch in jeder Lebenslage.

20.9.08 17:16

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