MANN OHNE PLAN

Eine Berlin-Geschichte in Teilen

Hannes Brentrup stand an einer Fussgängerampel und wartete auf das grüne Licht. Es herrschte Berufsverkehr, doch das Dröhnen der Fahrzeuge, die dicht an ihm vorbei hasteten, nahm er nicht wahr. Auch für die Menschen neben und hinter sich hatte er keinen Blick. Er schaute starr auf den schwarzen Ampelkasten mit dem leuchtenden roten Männchen. In Gedanken war er allem um sich herum so fern, wie das Heulen eines Martinshorns, irgendwo in einer der vielen Querstrassen der Stadt. In der Nacht hatte es geregnet und der Morgen dämmerte in Erwartung eines hellen, warmen Sonnentages. Der August spielte bereits letzten, leidenschaftliche Zuckungen des Hochsommers aus und die Menschen stellten sich langsam auf den Abschied von jener Hitze ein, die sie zunächst ersehnt und dann über Wochen mehr ertragen, als denn genossen hatten. Hannes Brentrup nahm die sommermüde Stimmung um sich nicht wahr. Er war in Gedanken schon vor dem Mikrofon und rief sein professionelles „Guten Morgen.“


Es gab Regeln für das „Guten Morgen“. Zwischen halb sechs und halb sieben durfte es nicht zu fröhlich klingen. Den früh aufstehenden Morgenmuffeln vor den Radioapparaten sollte die sicher schlechte Laune nicht zusätzlich vermiest werden. Dies könnte den Zorn auf den Moderator der Show lenken und im schlimmsten Fall die schlimmste Strafe für einen Morgenmann bedeuten – das Umschalten. Umschalten – welche Macht Hörer doch hatten. Sie konnten umschalten – jederzeit und vielleicht noch zu „Radio Citylife“ und diesen Affen: Rico und Citycindy, deren Verkehrs- und Wetterstimmchen einfach nur debil klang. Zwischen halb sieben und halb acht musste das „Guten Morgen“ satt, klar und fröhlich schmettern, wie ein Versprechen für den Tag. Zwischen halb acht und halb neun war die Formel schwieriger. Köhler hatte es Brentrup immer wieder eingetrichtert: „Sag Guten Morgen, aber meine es nicht mehr.“ Sollte heissen- Brentrup durfte jetzt allzu große Inbrunst mehr ins Mikrofon tropfen lassen. Stattdessen verlangte der Chef ausgelassene Fröhlichkeit. Mehrere Autoren in ganz Deutschland schrieben für Hannes Brentrup kleine Witze und Bemerkungen. Die einfachen Sätze dachte er sich selbst aus. Kostprobe: „Hey, es ist kurz nach acht und sie schlafen noch ? Dann haben sie Urlaub. Glückwunsch, ihr Stadtradio ist bei ihnen.“ Das klang perfekt – freundlich, aber nicht schleimig, der Sendername war genannt und ein Urlaubsgefühl angesprochen. Dazu den richtigen Musiktitel und alles war schön. Dass in der Stadt jeder Dritte ständig Urlaub machte, weil es keine Jobs gab, wusste Hannes Brentrup natürlich sehr genau. Aber er ließ solche Bemerkungen weg. Erstens war das Thema nicht komisch und zweitens gab es dafür Nachrichtensprecher. Die hatten Fakten zu berichten und nicht fröhlich zu sein. Man war ja nicht bei Rico und Cityradio. Dort kam News-Rainer und gab zehn Minuten vor jeder vollen und halben Stunde drei Nachrichten (oder was er dafür hielt) zum Besten. Jedesmal gab es dabei ein albernes Wortgeplänkel zwischen Rico und News-Rainer, inklusive der Uralt-Witzchen: „Keiner wäscht Rainer“ und „Rainer ist keiner“. Solche schütteren Auswüchse Morgenspaß hatte Hannes Brentrup in seiner Show längst hinter sich. Seriös musste Radio nicht mehr sein, ausser bei den Nachrichten. Zwischen halb neun und zehn Uhr, dem Ende der Stadtradio-Morgen-Show, war der Morgen für die meisten Hörer schon gelaufen. Für die Jungs auf den Baustellen zum Beispiel. Hannes sprach sie besonders gern an. Er moderierte ihnen dann das Bauwetter. „Vorsicht mit den Stahlträgern, die könnten heute ziemlich heiß werden – bei der Hitze.“ Bauarbeiter hatten spätestens um halb zehn das zweite Pausenbrot in der Hand und zählten diese Zeit zum Vormittag. Also ließ der Moderator der Morgenshow im Stadtradio sein berühmtes „Guten Morgen“ nur piano oder pianissimo erklingen und nicht mehr allzu oft.


Hannes Brentrup war groß, schlank und trug von der Sonne der letzten Wochen deutlich geblichenes, hellblondes Haar. Es war regelmäßig geschnitten, aber nicht kurz. Im Nacken ließ er es gern „ein wenig aufstehen“, wie er das nannte. Ein paar Haare wehten ihm derweil in die Stirn und gaben seinen ebenen Zügen den Charme des Jungen, der er -weiß Gott- nicht mehr sein wollte. Die alte Mückensen im Erdgeschoss hatte ihm einmal ins Gesicht gesagt, er könne im Radio ruhig ein bisschen weniger erwachsen reden. Schließlich sei er noch keine siebzig, wie sie. Damals hatte er getan, als würde er freundlich lachen. Tatsächlich ärgerte ihn die Mückensen maßlos und er hätte ihr gern den Hals umgedreht.


An diesem Augustmorgen zählte Hannes Brentrup genau dreiunddreißig Jahre und hätte jedes Recht gehabt, eine frische Geburtstagslaune zu empfinden. Doch er war zu müde, um sich auf den Tag zu freuen. Nach dem Aufstehen war ihm zwar der Gedanke gekommen, dass heute Blumen auf dem Schreibtisch stehen könnten. Vielleicht mit einer knappen Botschaft von Mia, unterschrieben mit einem Kuss aus knallrotem Lippenstift. Möglich auch, dass sein Chef kurz nach sieben Uhr direkt im Studio anrufen würde, um ihm zu gratulieren. Zum tausendsten Mal würde er dann eine Lobarie auf Hannes anstimmen, den „besten Moderator im Radiokosmos“. Jochen Köhler war in seinem Lob ausufernd und deshalb leider unglaubwürdig. Lieber las Hannes Schlagzeilen in den Lokalzeitungen: „Hannes Brentrup – die Nummer Eins im Radio“ oder „Brentrup hat jetzt 300 000 Hörer“. Das war es, was er glaubte. Es gab einen Markt, es gab Zahlen und er war die Nummer Eins. Die Prominenz kostete ihn vor allem Schlaf. Der Wecker hatte unbarmherzig um vier Uhr geklingelt und einen neuen Morgen voller Routine eingeläutet. Hannes Brentrup hatte kurz geduscht, eine Tasse schwarzen Kaffees getrunken, sich mit ungebügelten, aber teuren Markenklamotten eingekleidet und den Schlüssel vom Holzbrett im Flur seiner Wohnung genommen. Wie immer hatte er die Tür einfach ins Schloss fallen lassen, ohne nochmals abzuschließen und war die fünf Treppen hinunter zur Strasse gelaufen, obwohl sein Wohnhaus über einen Fahrstuhl verfügte. Auch den Weg zum Studio absolvierte er zu Fuss, da dies höchstens zehn Minuten dauerte. Diese Nähe nahm Brentrup als Luxus wahr, den er mehr als schätzte. Ja, Hannes Brentrup lebte nicht schlecht. Sein Erfolg hatte ein einfaches Rezept: als „Morgenhans“ spulte er die immer gleiche Fröhlichkeit ab, unterbrochen von ein paar Gewinnspielchen, eingestreuten Witzen mit seiner Assistentin Mia (gern über das Wetter und die dummen Politiker) und natürlich mit der aktuellen Musik aus den Hitparaden. Deren Zusammenstellung besorgte ein Computer. Hannes musste sich darum nicht kümmern. Wenn dann noch das „Guten Morgen“ nach Regelwerk kam, konnte es nirgendwo einfacher sein, Geld zu verdienen. Wenn er in seinem Glasstudio saß und die bunten Knöpfe und Regler bewegte, die ihn und seine Witze in der ganzen Stadt hörbar machten, dann war er sicher, dass er dieses Glück verdient hatte.


Endlich schaltete die Fussgängerampel auf grün und Hannes Brentrup lenkte seine Schritte in Richtung Funkhaus. Es war eine Funketage in einem gläsernen Hochhaus, in das sich der Sender erst vor wenigen Monaten eingemietet hatte. Der Erfolg der Morgensendung hatte neue Werbepartner und Sponsoren angelockt und der Sender konnte sein bisheriges Domizil in einem besseren Hinterhof am Rande der Stadt aufgeben. Jetzt war das Stadtradio in der City angekommen, während das Cityradio (mit Rico und Citycindy) aus einem Industriegebiet in der Nähe des Flughafens sendete. Die schöne Lage, das Glitzern der Fensterscheiben, die den Fernsehturm spiegelten, von dessen Spitze der Sender ausstrahlte – all das hatte mit Hannes Brentrup zu tun und seinen Sprüchen. Er war der Sender und der Sender war er.

FORTSETZUNG FOLGT -